„COMPUTERSPIELE HEILEN MEHR ALS TAUSEND WORTE“
(Süddeutsche Zeitung Magazin vom 6.12.2004)

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Höhenangst und Höhenphobie


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Sanftere Behandlung von Höhenangst mit Hilfe wissenschaftlich abgewandelter Computerspiele

     Der Goldstandard zur Behandlung von Höhenangst war bisher die Konfrontation mit realen, Höhenangst auslösenden Situationen. Mit Computer und virtuellen Umgebungen kann das Ganze jetzt viel einfacher gemacht werden.
     Als traditionelle Höhenangst-Therapie hat sich die Konfrontationstherapie mit einer Erfolgsquote von mehr als 80 Prozent seit Jahrzehnten sehr gut bewährt. Bei ihr begehen von Höhenangst geplagte Menschen zusammen mit ihrem Therapeuten üblicherweise Orte ihres Schreckens wie:

  • Aussichtsplattformen,
  • steile Abhänge,
  • Parkhausdecks,
  • Balkonbrüstungen,
  • Hochhausdächer,
  • Berge,
  • Kirchen,
  • gläserne Außenlifts,
  • Türme,
  • Baukräne,
  • hohe Brücken.
Doch dank Computer und Virtual Reality-Technologie geht's auch viel schneller, billiger, einfacher und bequemer: Statt realer Konfrontationen wird eine virtuelle Konfrontationstherapie durchgeführt. Dabei ist der Therapieverlauf derselbe wie bei der klassischen Therapie. Der Unterschied besteht nur darin, dass der Patient ein Virtual Reality-Headset auf hat und darüber eine virtuelle, also vom Computer erzeugte, täuschend echt wirkende, dreidimensionale Welt erlebt. So kann er die Angst auslösenden Situationen erleben, ohne ihnen wirklich ausgesetzt zu sein.

Hilfe durch VR-Therapie

     „Cyber“ ist „in“. Die virtuelle Therapie hat jetzt auch die Therapiepraxis erreicht. Deshalb sind reale Begehungen der Angst auslösenden Orte nicht mehr erforderlich1,2,3). „Höhenangst-Therapie kann jetzt durch den Einsatz von virtuellen Umgebungen wesentlich vereinfacht werden“, beschreibt Dr. Marcus Kuntze in „Der Nervenarzt“ (Heft Mai/2003) die neue Therapiemethode4). Mehr und mehr von Höhenangst geplagten Menschen bleibt deshalb die Konfrontation mit wirklichen Angstauslösern erspart.
Virtual Reality Headset     Als Erste veröffentlichten Dr. Barbara Rothbaum und ihre Kollegen 1995 ihre Forschungsergebnisse über die Virtual Reality-Therapie zur Behandlung von Höhenangst in der amerikanischen Fachzeitschrift Behavior Research and Therapy.1) Seitdem wurden ihre Forschungsergebnisse wiederholt bestätigt und erweitert.2,3,4)
     Mit Hilfe eines Virtual Reality-Headsets wird der von Höhenangst geplagte Mensch in eine virtuelle Umgebung versetzt. Dort erlebt er die Angst auslösende Situation genau so stark wie in der Wirklichkeit, ohne ihr jedoch wirklich ausgesetzt zu sein. Die vom Computer erzeugte Umgebung bewirkt die gleichen Angstsymptome wie wirkliche Situationen. Während allerdings im wirklichen Leben Vermeiden, Ausweichen und Flüchten die üblichen Reaktionen sind, scheinen von Höhenangst geplagte Menschen die Virtual Reality-Therapie eher „wie Spaß, Spiel und ein Abenteuer“ zu erleben.
     Auch in der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel wird diese Behandlungsmethode seit längerem durchgeführt. Bei der Pilotstudie (2003) wurden dort zum Beispiel mehrere Höhenangst-Patienten stufenweise in einem virtuellen Fahrstuhl bis auf maximal 220 Meter Höhe gefahren. Ein Therapeut leitete die Sitzung und steuerte den Fahrstuhl.
     Nach Abschluss der virtuellen Therapie hatte sich bei allen Versuchsteilnehmern die Höhenangst deutlich verringert. Die Verbesserungen waren nach sechs Monaten noch immer nachweisbar und hatten sich sogar weiter verbessert. Das Baseler Beispiel zeigt, dass die virtuelle Therapie von den Betroffenen angenommen wird, die erzeugten Angstsituationen die angestrebte Wirkung haben und auf Dauer eine messbare Therapiewirkung vorhanden ist.
     Da die vom Computer erzeugten Situationen bei jedem Ablauf des Programms exakt dieselben sind, eignet sich die virtuelle Therapie hervorragend zur Behandlung von Höhenphobie in der Therapiepraxis, was eine deutliche Zeit-, Kosten und Aufwandsersparnis mit sich bringt.4)

Einfache Lösung für jedermann
Wie kanadische Forscher vom Institut für Cyberpsychologie der Université du Québec, Kanada, jetzt bewiesen3) haben, lässt sich eine virtuelle Höhenangst-Therapie für alle Beteiligten viel einfacher, billiger und bequemer mit modifizierten Computerspielen durchführen als in Universitätskliniken. Man empfindet dabei die gleiche Angst, wie wenn man wirklich in die Tiefe schauen müsste. Doch nach rund zwanzig Minuten hat man sich an die Höhen gewöhnt, und die Angst ist besiegt und weg. Einen spieletauglich aufgerüsteten PC, ein Headset (Head Mounted Display, HMD) mit einem Bewegungssensor (head tracker) und einer 3D-Brille mit zwei Mini-Bildschirmen (so groß wie Brillengläser), sowie das passende Software-Packet -, mehr braucht man nicht, um sich auf Dauer von Höhenangst zu befreien. ... mehr.

Literaturhinweise zum Einsatz der VR-Therapie bei Höhenangst und Höhenphobie in der Praxis oder bequem zu Hause am PC:
1) Rothbaum, Barbara O., Hodges, Larry F., Kooper, Rob, Opdyke, Dan, Williford, James und North, Max M.: Virtual reality graded exposure in the treatment of acrophobia: A case report, in: Behavior Research and Therapy, 1995, Bd. 26, Heft 3, Seite 547 bis 554.
2) Rothbaum, Barbara O., Hodges, Larry F., Kooper, Rob, Opdyke, Dan, Williford, James und North, Max M.: Effectiveness of computer-generated (virtual reality) graded exposure in the treatment of acrophobia, in: American Journal of Psychiatry, 1995, Bd. 152, Heft 4, Seite 626 bis 628.
3) Bouchard, Stéphane, Côté, S., Robillard, Geneviève, St-Jacques, J. und Renaud, Patrice: Efficacy of virtual reality exposure in the treatment of acrophobia using modified 3D games, in: Behavior Research and Therapy, 2004, zur Veröffentlichung freigegeben.
4) Kuntze, Marcus F., Störmer, R., Mager, R., Müller-Spahn, Franz und Bullinger, Axel: Die Behandlung der Höhenangst in einer virtuellen Umgebung, in: Der Nervenarzt, Heft Mai/2003, Bd. 74, Seite 428 bis 435.

Buchtipp:
Dr. Marcus Kuntze und Dr. Axel Bullinger:
Höhenangst und andere spezifische Probleme
Verlag Hans Huber, 16,95 Euro

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